WICHTIG (ALBUM, 1993)

Artist
Die Sterne
Released
1993
  1. -:-- / -:--
  2. -:-- / -:--
  3. -:-- / -:--
  4. -:-- / -:--
  5. -:-- / -:--
  6. -:-- / -:--
  7. -:-- / -:--
  8. -:-- / -:--
  9. -:-- / -:--
  10. -:-- / -:--
  11. -:-- / -:--
  12. -:-- / -:--
  13. -:-- / -:--
  14. -:-- / -:--

Bis Ende 92 arbeiten die Sterne mit Carol von Rautenkranz (L’AGE D’OR Mitbetreiber) und seinem Bruder Chris (heute schon fast eine Produzentenlegende) in Mühlheim/Ruhr und Köln an ihrem ersten Album, die Studio-Stunden nutzend, die L’AGE D’OR bei dem NRW-Förder Preis für »innovative Arbeit in der Musik und Medienlandschaft« gewonnen hat. Vor Ort im Ruhrgebiet ergeben sich Zusammenarbeiten mit einigen dort ansässigen befreundeten Musikern. So sind als Gäste auf »Wichtig« Thies Mynther (Allwissende Billardkugel), Achim Weigel (Carnival of Souls), Pascal Fuhlbrügge (Ex Kolossale Jugend) und Flowerpornoes’ Tom G. Liwa zu hören.

Gelegentlich führt der Titelsong »(ich bin) wichtig« zu dem Mißverständnis, die Sterne nähmen sich zu wichtig. Tatsächlich halten sie sich nicht für unwichtig, doch wird übersehen, daß »die Ichs und Dus der Sterne-Texte immer herhalten für andere, und für Kommunikation« (Liwa). In »Hier«, ihrem Kommentar zum Verhältnis von Nation und Gewalt und neu-rechten Pogromen in der Bundesrepublik, zitieren die Sterne Sonic Youth mit »it’s the song I hate« (aus »Youth against Fascism«). Ansonsten liegt hier das Sterne-Universum von eigener Energie dem Hörer vor Ohren. Funk meldet sich nicht nur im Anschlag der Gitarre; Spilker spricht und ruft mehr, als daß er singt. Eine Melancholie ist immer da, wird vom Rhythmusgefüge angestoßen und tritt mitunter »ins Empfindlichste«, das manche Männer an sich hängen haben. Die andere Referenz der Sterne, Ton Steine Scherben, klingt nicht nur in Spilkers Intonation an, sondern bekommt auch in der draufgängerischen Coverversion von »Jenseits von Eden« ihre Verbeugung.

Die Presse freut sich bundesweit sehr über »Wichtig«, mancher bedauert, daß die Single »Fickt das System« nicht drauf ist, Punk-Fanzines schreiben schöne Verrisse. Im Prinz wird sie Platte des Monats.

Zur Platte gibt es eine Tournee durch 20 Städte, viele Auftritte gemeinsam mit Das Neue Brot, im Ruhrgebiet auch unterstützt durch Tom G. Liwa. Die Tour heißt »Aspirin und Drogenbeat Tour« und funktioniert anhand eines Konzepts, das DJs einbezieht. Die DJs Robert Varga (Mojo Club), Pascal Fuhlbrügge (L’AGE D’OR Mitbetreiber) und Ale Sexfeind (Buback Tonträger) sorgen für die Überleitungen zwischen den Sets, die Band improvisiert gelegentlich auf den vorgegebenen Beats. Es kommt zum »arrogantesten Konzert« der Sterne, bei dem sie 40 Minuten am Stück spielen. Das Partykonzept, eine Clubatmosphäre herzustellen und die Leute nach dem Konzert zum Bleiben zu bringen, hat allerdings seine Grenzen. Viele wollen Konzert und Party lieber getrennt haben.

Im Juni beteiligen sich die Sterne an »Etwas besseres als die Nation«, einer mit Konzerten und Party begleiteten Aktionstour durch drei Städte der neuen Bundesländer. Die Initiative geht vom Wohlfahrtsausschuß Hamburg aus, zahlreiche linke Gruppierungen beteiligen sich, Ziel ist es, den öffentlichen Raum – nicht nur symbolisch – gegen rechte Angriffe zu verteidigen. Außerdem fahren mit: die Kastrierten Philosophen, Absolute Beginner, Blumfeld, Extended Versions, Goldene Zitronen u.a.

In Interviews müssen sich die Sterne, wie die anderen auch, immer wieder gegen eine vereinheitlichende Wahrnehmung als »Hamburger Schule« verwahren. Tatsächlich erschöpfen sich die Parallelen im reflektierten Einsatz einer Sprache, die »deutsch« nennen kann, wer das braucht, und dem regen Austausch zwischen den Bands.

Im Juli 1993 dreht Charlotte Goltermann für 600 Mark das Video zu »Wichtig«: In der Mitte eines Fußballplatzes steht ein Wohnzimmer herum; im Fernsehen sagen Prominente vermutlich »ich bin wichtig«. Im Zusammenhang mit dem Video kursiert ein Zettel, auf dem steht »Frank Spilker ist ein Arschloch«. Dementis sind nicht bekannt.

»Sie haben Bestandteile des Soul und Funk aus den 70er Jahren geklaut/gesampelt und mit den Erfahrungen der 80er/90er-Jahre-Subkultur verbunden«. Kurz nachdem dies vom »Foyer« festgestellt worden ist, machen die Sterne Erfahrungen mit der 90er-Jahre-Kriminalkultur und werden selbst beklaut, im höchst materiellen Sinne: im Juli wird ihr Übungsraum in Hamburg-Hamm leergeräumt, Instrumente im Wert von 10.000 Mark sind weg. Auf Anzeigen und Plakate hin meldet sich niemand. Die geplante Tour durch Österreich und Süddeutschland muß trotzdem nicht abgeblasen werden, sondern findet mit von Freunden geliehenem Equipment statt.

Daß sie sich allmählich wieder eigene Instrumente zulegen werden, ist wahrscheinlich, denn der Zuspruch des Publikums reißt nicht ab. Die LeserInnen der Spex setzen die Sterne unter den Newcomern des Jahres auf Platz 17.

(Petra Wulf, 6/97)